Rockem Open Air in Neunkirchen am 21. Juli 2012

Es ist ein Sommer, wie ihn Rudi Carrell wohl im Sinn hatte. Ende Juli geht man mit Gummistiefeln, Kapuzenpulli und Jacke auf ein Festival! Super! Nun gut: zum insgesamt vierten Mal und zum zweiten Mal im Neunkircher Hüttenpark fand das Festival Rockem statt. Auch wir von iamhavoc.de waren mit insgesamt drei Mitarbeitern vor Ort. Und das hieß insgesamt fast 10 Stunden “Arbeit” vor Ort, also 10 Stunden Mucke.

Ein Gelände, ein paar Dixieklos, eine kleine Bühne, ein paar Stände und ein Merchandisezelt. Vor der großartigen Kulisse der Neunkircher Hütte. Für das leibliche Wohl war gesorgt. Am Fressstand gab es Rostwurst, Bockwurst und Schnitzelweck. Die vegetarischen Gäste mussten leider mit Frühlingsrollen und Pommes vorlieb nehmen. Schade, dass man die vegane Initiative nicht eingeladen hat, die sonst das JUZ mit Essen versorgt. Das hätte meine Laune wohl etwas gehoben ;-)

Die “Konkurrenz” vom Rocco del Schlacko war mit einem Cocktail-Stand vertreten, der außerdem noch Leuchtstäbe zum Raven anbot. Zum Raven? Abwarten… Ansonsten noch der obligatorische Bierstand. Außerdem war die Initiative BOB vor Ort vertreten, die die Besucher des Festivals über das alkoholfreie Tanken aufklärte. Im Merchzelt war neben den Verkaufsmännern und Damen der beteiligten Bands auch eine Ausstellung mit Werken von Luman und Sebastian Kohler (macht auch Mucke mit dem Maja Project). Nachdem wir nun die Eckdaten hinter uns gebracht haben, gehts mit dem musikalischen Teil los:

Blaste Flame

Auf Grund von Problemen mit der Gästeliste konnte die Performance des Ein-Mann-DJ-Projektes Blaste Flame leider nicht begutachtet werden. Musikalisch ist es sicherlich nicht mein Fall, ist aber eine schöne Öffnung des Festivals für andere Spielarten. Das Publikum dürfte aber wohl auch spärlich vertreten gewesen sein.

The College Sluts

Zu The College Sluts hat dann aber Gottseidank auch alles geklappt, so dass nach einer kurzen Inspektion des Bierstandes (ja, war da), auch der musikalische Teil des frühen Nachmittags losgehen konnte. Als quasi rockender Opener des Tages hatten sie die schwere Aufgabe, die Leute in Stimmung zu bringen. Diesmal mit Bassist angereist, gelang ihnen dies auch ziemlich gut. California-Sunshine-Punk gegen die Regengefahr sozusagen. Da macht es auch nix, wenn der Gitarrist “vergesst ans Mikro zu laafe”, wie auf saarländisch prompt die Entschuldigung kam. Überhit: Stacey Jones und auch der Gag mit dem Lied für Blink-182 kamen wieder ganz gut.

Insgesamt sehr witzige Ansagen. Gegen Ende des Sets gab es leider ein paar Lückenfüller, so zum Beispiel ein durchwachsenes Schlagzeugsolo. Beim letzten Song Wave Goodbye oder so, vergaß der Sänger auch mal den Text. Macht aber nix, rettet man sich eben schnell zum Chorus. Dem noch zahlenmäßig etwas klein geratenen Publikum gefiel es auf jeden Fall.

Baby Lou

Bei Baby Lou hatte ich eine Schuld einzulösen. Habe ich die Band doch bisher jedes Mal verpasst. Ein schwerer Fehler, wie sich zeigte. Blöd nur, dass just nach dem Auftritt der Calipunker der obligatorische Regen einsetzte. Typisch, verlässt die Sunshine-Band die Bühne… Wäre ja noch zu ertragen gewesen, Kapuze hoch und gut ist, aber dann setzte der HAGEL ein, ja richtig, Hagel… Baby Lou machten aus der Not eine Tugend und ließen die Fans, die sich trotz des Wetters nicht ins rettende Merch-Zelt gerettet haben, mit auf die Bühne. Der Zeitplan will schließlich eingehalten werden. So konnte man den ganzen Technikkram mal aus der Nähe begutachten. Fand ich gut!

Noch besser fand ich allerdings die Mukke, die einem entgegenströmte. Mit Baby Lou hat die saarländische Szene jedenfalls eine hochkarätige Band am Start, die mit ihrem Alternative-Rock meets Hardcore (man kanns auch “false metal” [Eigenbeschreibung auf Facebook] oder Postpunk nennen) eine sehr eigenständige Mucke fabrizieren, die eigentlich sofort groß rauskommen müsste. Auch live beeindrucken die drei durch ihr aufeinander abgestimmtes Spiel. Insbesondere der Bassist ist eine dermaßen gute Rampensau, dass es eine wahre Freude ist, der Band zuzuschauen. Leider hat das Gewitter die mitgebrachte Castle Grayskull in Mitleidenschaft gezogen. das ist aber auch der einzige (!) Kritikpunkt an einer exzellenten Show.

Blingpoint

Blingpoint habe ich leider verpasst, weil beim Bühne-Hochkrabbel-Jeans-Reißtest die Billigjeans leider nicht mitmachte. Kein Wunder, dass es backstage immer diese lustigen Bühnetreppen gibt. Also erst mal umziehen. Die letzten beiden Lieder hab ich zwar noch gesehen, aber Manoj wird euch sicherlich besser informieren können. Fand die auch eher besch…eiden.

- Gripweed

Nach Baby Lou geht es weiter mit den Saarbrückener Punkern von Bling Point. Diese beherschen ihre Instrumente zwar nicht ganz so profesionell wie beispielsweise die vorrangegangenen Baby Lou, jedoch verbreiten sie vor der Bühne gute Stimmung und verteilen Freibier. Sogar ein T-Shirt gab es zu gewinnen. Dazu wurden 2 Fans auf die Bühne gebeten und derjenige, der am Schnellsten ein kleines Fläschchen Vodka ext, gewinnt ein T-Shirt. Da jedoch nicht feststellbar war, wer von beiden der Schnellere war, bekamen beide Teilnehmer ein T-Shirt. Bei 2 Songs packt der Bassist sogar eine Violine aus und bei einem Song tauschen der Drummer und der Gitarrist und Sänger. Alles in Allem ein gelungener und unterhaltsamer Auftritt.

- Manoj

Götz Widmann

Götz Widmann, neben Söllner und von Dannen wohl der einzig relevante deutsche Liedermacher unserer Zeit, war als nächstes dran. Der Auftritt musste vorgezogen werden, weil er am gleichen Tag noch für ein anderes Festival gebucht war. Nun ist aber 18:30 sowieso die beste Zeit für einen Liedermacher. Es ist nicht so laut, die Kinder sind noch nicht im Bett und können gefahrlos mit aufs Gelände genommen werden. Er legte auch gleich mit dem alten Joint-Venture-Hit Hank starb an ner Überdosis Hasch los und zum ersten Mal war auch wirklich Publikum vor der Bühne vertreten. Da der Boden noch nass war, kam aber leider nicht die übliche Lagerfeueratmosphäre auf, da die meisten doch stehend genossen.

Götz hatte ein neues Album im Gepäck, aus dem er ausgiebig Lieder wie Bier in der Tsttur, Proletarier sucht Frau und Du hast dein Iphone verloren zum besten gab, ohne Klassiker wie Homo Sapiens, Zaubersteuer und Ich liebe mich oder Joint-Venture-Klassiker wie Tach, Herr Chef und Scheiß auf deine Ex zu vernachlässigen. Auch sein neues, kontroverses Lied Die Postnatale Depression des Mannes präsentierte er.

Und ehrlich gesagt, Ansagen wie “Dieses Lied spaltet das Publikum in zwei Lager: Menschen mit und ohne Humor!” kann er sich sparen. Das Lied und seine Aussagen sind (in meiner Welt) einfach scheiße. Nicht ironisch und auch nicht wirklich witzig. Einfach nur arm. Wenn mich das humorlos macht, bitte… Aber Widmann hatte schon immer ein paar doofe Texte, da reißt der auch nicht groß raus. Und die besseren Lieder hat er ja auch schon vorher gespielt. Auch eine Zugabe und ein paar Autogramme waren noch drin, dann gings für den vorgezogenen Headliner aber weiter nach Karlstadt, wo er beim Umsonst und draußen den nächsten Auftritt hatte.

My Glorious

My Glorious kommt die undankbare Aufgabe zu, nach Götz Widmann aufzutreten. Die Abwanderung von der Bühne war erwartbar, aber nicht ganz fair. Schließlich ist das Alternative-Rock-Trio extra aus Wien 9 Stunden angereist, um 30 Minuten zu spielen und dann wieder 9 Stunden zurückzufahren. Na, herzlichen Gückwunsch! Ist natürlich auch toll, dass niemand die Band kennt und der Musikstil etwas aus dem Rahmen fällt.

Zum Glück geben My Glorious nicht auf und machen aus der Not eine Tugend. Erst einmal geben sie Props an Götz Widmann und dann gehen sie kompromisslos nach vorn. Im Laufe des Auftritts gelingt es ihnen tatsächlich, einige Zuschauer wieder anzulocken. Bei dem Hit-Song You Should Be Dancing (kein Bee-Gees-Cover) gelingt es ihnen tatsächlich ein paar Leute auf die Tanzfläche zu bekommen. Interessant ebenfalls ein Drei-Mann-Schlagzeugsolo. Und am Ende sind Band und Publikum vereint – ein Traum.

Bionic Ghost Kids

Ein Alptraum, aber im positiven Sinne, sind anschließend Bionic Ghost Kids. Und damit ist die Rave-Zeit eingeläutet. Harte Technobeats treffen auf Gitarrenriffs, 90er-Jahre-Dancefloor-Gepitche auf harten, verzerrten Gesang. Die beiden Maskenmänner heizen der Menge richtig ein. Und das ist auch bitter nötig, wird es doch langsam kalt… Puristen könnten jetzt anfangen zu maulen, dass das ja gar kein Rock ist. Aber die Energie, die die Band erzeugt ist Wahnsinn! Und: es dürfte nicht ganz einfach sein, die Riffs parallel zu den Samples und dem Beat zu spielen.

In einer normalen Band kann man sich ja aufeinander einstellen, hier pumpt der Bass eben die ganze Zeit. Die Masken verleihen dem Ganzen noch einen zusätzlichen Verfremdungseffekt. Pannen gibts aber auch: so fällt Sänger und Vorturner Chris Raven von einer Box und klemmt dabei sein Mikro ein. Scheiß auf die Stagehands dachte er dann wohl und hob die Box selbst zur Seite, damit es weitergehen kann. Das Publikum war gut am Tanzen und feierte die Band ab. Da kamen dann auch zum ersten Mal die Leuchtstäbe mit dem giftigen Inhalt zum Einsatz, die leider bei Sonnenlicht doch nicht so dolle wirken. Ein Cover von Fireflies, im Original von Owl City gabs auch noch. Ziemlich guter Auftritt… Für mich die beste Band des Festivals.

The toten Crackhuren im Kofferraum

Tanzend ging es weiter mit The toten Crackhuren im Kofferraum. Eine schon sehr krasse Mischung aus Electropop, Punk und Kabarett. Auf der Bühne: Fünf Damen und zwei Herren, wenn ich mich nicht verzählt habe. Dazu asoziale Texte, derbe Sprüche und ein loses Mundwerk. Die Menge dankte es den auf schwanger getrimmten Mädels, dass sie den Weg von Berlin hierher auf sich genommen haben. War am Tanzen und Feiern. Da es jetzt auch dunkel wurde, gaben die Leuchtstäbe ein schönes Bild ab. Musikalisch ist das Ganze um ein Vielfaches härter als auf der Platte. Liegt vermutlich auch an der Lautstärke mit der geschallert wurde. Ein sehr guter Auftritt jedenfalls, wenn auch etwas zu lang für meinen Geschmack. Dafür haben die Lieder doch etwas wenig Tiefgang. Dennoch super. Wieder eine Platte mehr in meiner Sammlung…

Sondaschule

Eine andere Art von Tanz gab es dann bei Sondaschule. Ich kannte die Band nur aus den Tagen von Knock Out Records, also von ihrer ersten EP, beziehungsweise auf einem Labelsampler mit tonnenweise Skinhead-Bands. Von daher war ich doch etwas verwundert, dass die mittlerweile so viele Leute ziehen. Wie es sich für eine Hauptband gehört, war daher der Platz vor der Bühne gut gefüllt. Naja, gut gefüllt ist natürlich relativ. War eben eine überschaubare Menge an Zuschauern insgesamt da.

Aber jetzt war Skapunk vom Feinsten angesagt. Da die Leute aber nix vom Skanken verstehen, musste der Pogo und das Stagediving herhalten. Sondaschule verstehen etwas von ihrem Handwerk. Gute-Laune-Musik für heiße Sommertage, wovon auch ein paar Songs, zum Beispiel Sommer, Sonne, Strand und Meer handeln. Klar, kiffen ist ein weiteres Thema, das Ruhrgebiet ebenfalls.

Dann noch Liebe, Sex und Zärtlichkeit, oder so… Gute-Laune-Musik eben. Leider auch etwas Reggae… Wobei sie laut eigener Aussage die Homophobie für später aufgehoben haben. Dafür sprechen sie mir bei Herbert Halts Maul aus dem Herzen, wenn ich den Text richtig deute. Super Stimmung auf und vor der Bühne, bis dann die die Freunde und Helfer anrückten und die Veranstaltung Punkt 12 beenden wollten. Zum Glück wurde den Jungs noch ein Lied gestattet.

Trotz mehrfachem Zuruf war es nicht ACAB (wobei ich doch gerade gelernt habe, dass das für “Alles cool, alles bestens“) steht, sondern um Schöne neue Welt einen brandneuen Titel vom demnächst erscheinenden Album, den sie galant und wenig subtil über den Mittelteil Nanana um eine weitere Nummer erweiterten. Die Polizei ließ die band gewähren und so war das Konzert kurz nach 24 Uhr beendet. Und all die Minderjährigen ohne Aufsichtsperson haben vielleicht drei bis vier Lieder verpasst.

War ein schönes Festival, das leider unter der geringen Besucherzahl und dem seltsamen Rudi-Carrell-Gedächtniswetter litt. Hoffentlich gibt es nächstes Jahr eine Fortsetzung!

PS: Die Bilder sind bisher von meiner Digicam. Professionellere Bilder werden bald folgen… dank Kollege von Ulle-Media!

Foto Credits: Ulle-Media (labeled) & Gripweed

Veröffentlicht von

Gripweed ist Wikipedianer mit Leib und Seele und das, was man gemeinhin als Musiknerd bezeichnet. Musikalisch ist er in vielen Genres beheimatet, wobei er das Exotische und Unbekannte den Stars und Sternchen vorzieht. Eine Weile bloggte er auch auf Blogspot.de, veröffentlicht seine Beiträge aber jetzt hier und nutzt seinen alten Blog http://gripweedsgems.blogspot.de/ nur noch selten.

Hinterlasse eine Antwort