iamhavoc.de: Hallo Chryso und willkommen auf den Seiten von Iamhavoc. Unser Megazin ist ja eher im Hardcore-, Punk- und Metal-Undergound angesiedelt. Von daher kannst du diese Eingangsfrage erst einmal nutzen, um den Lesern mal etwas von dir/über dich zu erzählen.
Über mich gibts eigentlich nicht viel zu erzählen. Ich mag Musik und vor allem Rap und da ich selbst nicht rappe oder singe, lass ich das gern Rapper tun, die ich gut find. Da wirds allerdings in Deutschland eng. Daher arbeite ich auch gerne auf internationaler Ebene mit Künstlern zusammen.
iamhavoc.de: Wie gesagt, unser Content ist ja eher im harten Musikbereich zu suchen. Wie passt du da rein? Warum sollten unsere Leser auch deiner Musik eine Chance geben?
Rap ist ja harte Straßenmusik. ;-) Aber ernsthaft: Das Album bekommt viel gute Resonanz von Leuten, die sonst mit Hip-Hop/Rap wenig anfangen können. Ich weiß gar nicht genau woran das liegt. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich selbst beim Produzieren mehr darauf achte, was mir gefällt als darauf, in welcher Schublade es nun landen könnte und ich höre und mag eben nicht nur Rap.
iamhavoc.de: Vor wenigen Wochen ist dein Album “Demon’s Run” erschienen. Ein sogenanntes Produzentenalbum. Wie kam es dazu und was wolltest du mit dem Album erreichen?
Das Album war ein Traum, den ich mir selbst nach vielen Jahren endlich erfüllt habe. Für mich war das Ziel an dem Tag erreicht, als mir der Postbote mein eigenes Gewicht in CDs brachte. Plötzlich verkauft sich das Ding nach Kanada und was weiß ich wohin… Das ist jetzt schon mehr als ich je erreichen wollte.
iamhavoc.de: Dein Album wird in der Promo als erstes Crowdfunding-Hip-Hop-Album Deutschlands vermarktet und wurde über die Plattform Startnext realisiert. Wie muss man sich das vorstellen?
Startnext ist eine fantastische Sache. Generell Crowdfunding! Stell Dir vor, Du präsentierst eine Idee, und plötzlich geben Dir Leute Geld! Ich hatte bei Startnext ein Projekt eingestellt, ein wenig erzählt, was ich so vorhatte und den Leuten gesagt: Wenn Ihr die CD schon vor der Pressung vorbestellt, könnt Ihr damit die Pressung überhaupt erst ermöglichen. Und das hat geklappt. Ich kann diese Finanzierungsform nur empfehlen. An alle DIY-Künstler da draussen: Nutzt sie!
iamhavoc.de: Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Sprich: hast du die Beats für die Interpreten oder für die Interpreten die Beats gebaut? Wie kamst du zu den Künstlern?
Am Anfang waren die Beats. Ich hatte das Instrumental-Album an die Künstler geschickt und wer zuerst pickte, bekam den Zuschlag. Viele der Künstler kenne ich schon ziemlich lange und ein paar hatte ich einfach ganz dreist angeschrieben. Im DIY-Umfeld ist das kein Ding. Soda, der ja auch auf postrap ist und am gleichen Tag sein Album “mehr” releast hat, kenne ich schon lange. Für eines seiner letzten Alben hatte ich einen Song produziert… James Reindeer aus England fand ich immer klasse, kannte den Typen aber nicht. Für das Album schrieb ich James an: “Hey James, Du kennst mich zwar nicht, aber ich bin son Produzent aus Deutschland und mache grad mein Album, hast Du nicht Lust nen Track mit mir zu machen?” und zurück kam “Hey, klar! Ich kenne Dich vom Soda-Album und fand Euren Track damals geil!” Das war strange, aber ziemlich cool. Heute nutzen James und ich jede Gelegenheit, uns zu treffen. Im RL wurde mir James von A Band of Buriers vorgestellt, als ich die Jungs auf einer Wochenend-Mini-Tour begleitete. Übrigens eine ganz großartige britische (Anti-)Folk-Band, die man unbedingt im Auge behalten sollte.
iamhavoc.de: Auf dem Album sind zahlreiche Interpreten aus dem Hip-Hop- und dem Alternative-Bereich vertreten. Am Bekanntesten dürfte wohl MC Lars sein. Wie kam es zu der Kooperation?
Von MC Lars fand ich irgendwann A cappellas im Netz und machte einfach mal nen Remix, den ich Lars schickte. Den fand er gut und wollte mehr Beats. Ich schickte ihm ein paar Sachen und rechnete eigentlich gar nicht mehr mit einer Antwort. Dann kam ne Mail: “Damn, you’re a mad talented producer!” und er suchte sich ein paar Beats aus. Als ich mein Album fertig machte, fragte ich ihn, ob er einen der Beats für mein Album hergeben würde. Das tat er, inklusive Vocals. Der Track ist auch auf seiner Frosty-The-Flowman-EP drauf. Zu der EP gibts auch noch ne LP, auf der unter anderem KRS-ONE nen Part hat. Leider hats unser gemeinsamer Song da nicht draufgeschafft. Aber ich bin mit KRS-ONE zusammen auf Lars’ Frosty-The-Flowman Reihe vertreten. Das ist schon ziemlich cool.
iamhavoc.de: Ich fand das Lied “Es lauert” von Anna Frey sehr faszinierend. Damit hast du es geschafft, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben einen MP3-Kauf getätigt habe, nämlich das “Anna + Stoffner“-Album “Neongrau”. Die Künstlerin war auch auf einem alternativen Album-Trailer vertreten. Wie gestaltete sich die Arbeit mit der Künstlerin?
Als ich Anna nach einem Part für mein Album fragte, war sie gerade aus der Schweiz nach Hamburg gezogen. Ihre erste Aufnahme zu “Es lauert” machte sie im Bademantel im Flur ihrer neuen Wohnung und man hörte nur Raumhall. Da sie in Hamburg keine andere Aufnahmemöglichkeiten hatte, fragte ich bei Facebook rum, wo man denn in HH aufnehmen könne. Dann bekam ich eine Nachricht von Monroe, mit dem ich vor über zehn Jahren mit meiner alten Band mal Musik gemacht hatte. Monroe war mittlerweile als Produzent gut dabei und hatte eine Weile für so ziemlich jeden Hip-Hop-Act in Deutschland produziert. Zu ihm schickte ich Anna dann zum aufnehmen, das hat auch alles super geklappt. Ich glaub, Anna weiss bis heute nicht, dass Monroe unter anderem die Single “Monstershit” von Azad & Savas produziert hatte. Aber ich glaube, das wäre ihr auch ziemlich egal gewesen. Ich hoffe, dass sich mit Anna noch weitere Zusammenarbeiten ergeben, sie ist völlig frei von Szenedenken und ich mag ihre unkonventionellen und lockeren Sachen.
iamhavoc.de: Auf “Stigmata” rappt dein Labelkollege Misanthrop: “Wir machen Musik schwer, um es den Kritikern zu zeigen” und “Wir mögen Rap nicht, weil wir Postrap sind”. Ist das ein Label (die Zweideutigkeit ist Absicht), dem du dich verpflichtet fühlst?
Die zitierten Passagen sind ja das, was andere über postrap sagen. Aber damit würden wir uns genau so einschränken, nur eben in eine andere Richtung. Das verstehen die Leute oft nicht, die brauchen immer ihre Schubladen und postrap ist jetzt für die auch zur Schublade geworden.
Ich fühle mich postrap sehr nahe, weil die Jungs einfach locker sind, Bock haben Musik zu machen und alles feiern was gut ist. Und ich hab auch Bock auf alles was gut ist, ob das nun Rap, postrap, Edward Atlantis, gutes Sushi oder alles ist, was vielleicht noch kommt. Ich mag postrap vor allem, weil sich da niemand um Genregrenzen schert.
iamhavoc.de: Und darauf aufbauend: Hip-Hop gliedert sich ja in letzter Zeit zunehmend in zwei verschiedene Lager, den Gangsta-Rap-Shit und den Backpacker-Rap. Ein paar Mischformen, wie Prinz Pi, gibt es auch noch. Hast du da eine Meinung zu und positionierst du dich da?
Für mich gibt es Sachen, die mir gefallen und Sachen, die mir nicht gefallen. Grundsätzlich mag ich Dinge, die entweder echt und ehrlich sind, oder Klischees so dermaßen übererfüllen, dass es schon wieder gut ist. Leider gibt es im Moment einen Trend, neue Schubladen aufzubauen und diese als innovativ hinzustellen. “Hip-Hop mit Sinn und Verstand” oder “Hip-Hop mit Köpfchen” wie Cro, Clueso oder Prinz Pi, so was find ich ganz furchtbar. Das kann doch nur Leute beeindrucken, die außer Bushido und Sido nichts kennen.
Ich mag neben dem abstrakten Kram noch ElRay, der grade mit ANNERST die Tradition von Baggefudda fortführt, ich feier z.B. KiZ, DCVDNS, Hermann Weiss und je nach Stimmung auch Celo und Abdi. Das ist einfach Zeug, das Spass macht.
iamhavoc.de: Das Intro ist ja die saarländische Antwort auf “Copkiller” feat. Brutalo O.P.P.E.N. bzw. Märchionkel. Wer kam auf die Idee?
Auf die Idee kam Brutalo O.P.P.E.N. selbst. Ich habs im Grunde nur geklaut und verwertet. Glücklicherweise hatte Brutalo MC Verständnis dafür, dass man immer ein obligatorisches Gangsta Rap Intro brauchen kann.
iamhavoc.de: Der Albumtitel entstammt, wenn mich nicht alles täuscht, einer Dr. Who-Episode, das Intro zum Titelstück ist eine Reminiszenz an eine Dr. Who-Episode. Dazu passend ist das Artwork sehr Science-Fiction-mäßig. Woher hast du die Idee gehabt und wer war verantwortlich für das Artwork?
Die Idee kam mir beim Schauen meiner Lieblingsserie: Doctor Who.
In der Folge “Demons Run” sammelt der Doktor eine Armee alter Bekannter, um einen übermächtigen Feind zu besiegen. Und im Grund war das genau das Konzept meines Albums: Ich sammelte alte Bekannte ein, um in meiner Armee gegen schlechten Geschmack, Genregrenzen und musikalische Engstirnigkeit zu kämpfen. Als riesiger Doctor-Who-Fan konnte ich mir die Analogie nicht verkneifen. Das Artwork kommt von Albane Simon, einer großartigen surrealistischen Collagistin aus Paris. Ich erzählte ihr auch lediglich von der Doctor-Who-Folge und heraus kam das Cover mit den Hundeköpfen.
iamhavoc.de: Wie sind die ersten Reaktionen auf dein Album?
Bisher finde ich die Reaktionen auf das Album toll und sie übertreffen meine Erwartungen. Das Album kommt offenbar ziemlich gut an und das nicht nur bei Hip-Hop Fans. Vor allem die erste Single “Lipstick Of the Reddest Color” bekommt weltweit sehr gute Resonanz.
iamhavoc.de: Hast du einen Favoriten auf dem Album oder sind das alles deine Kinder?
Das sind natürlich alles meine Kinder. Ich mag alle Tracks, auch wenn es mir mittlerweile nach mischen, mastering usw usf unheimlich schwer fällt, die Tracks zum gefühlten 5-Milliardsten mal zu hören.
iamhavoc.de: Wenn du einem Außerirdischen deine Platte anpreisen müsstest, welches Lied würdest du wählen?
Ganz klar: Demons Run.
Is this world protected? You’re not the first to have come here. Oh, there have been so many. And what you’ve got to ask is, what happened to them… Hello. I’m the Doctor. Basically… Run!
iamhavoc.de: Wie ist die Hip-Hop-Szene aus dem Saarland so aufgestellt? Siehst du dich da als Teil von?
Mich interessiert keine Szene und ich sehe mich nicht als Teil einer Szene.
iamhavoc.de: DCVDNS oder Genetikk?
AC/DCVDNS.
iamhavoc.de: Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus? Wird man noch mehr von dir hören können?
Ja, mit Sicherheit. Zunächst mal drehen wir jetzt ein Video zu “Lipstick of the Reddest Color” und bis das rauskommt wirds noch einen Remix zu dem Song “Fuzzy Dismemberment Logic” als Video geben, bei dem es noch nen zusätzliche deutschen Part exklusiv für den Remix gibt. Kleiner Hinweis: Es ist jemand, der auch in DCVDNS’ Brille-Video vorkommt. Und dann gibts schon wieder weitere Projektideen, die sind aber alle noch Top-Secret.
iamhavoc.de: So, erst einmal vielen Dank für die Beantwortung meiner Fragen. Du hast hier jetzt noch einmal die Gelegenheit, das Wort an unsere Leser zu richten...
Vielen Dank für das Interview!
An die Leser: Kauft das Album, raubkopiert es und verschenkt es!


